Historie der SPD Jork


100 JAHRE SOZIALDEMOKRATIE im ALTEN LAND


Chronik des heutigen SPD-Ortsvereins Jork
und seiner Vorgänger aus


Estebrügge / Königreich
Borstel und Jork
(Stand Mai 1997)


Zusammengetragen und aufgeschrieben von Hans-Jürgen Briese
In verkürzter Form 1997 veröffentlicht im offiziellem
Jahrbuch des Altländer Archivs

Zur Einführung

Die Sozialdemokratische Partei konnte – auf den heutigen Landkreis Stade und das Alte Land bezogen – erst sehr spät Fuß fassen. Um 1930 waren im Kreisgebiet nur ca. 2.100 Mitglieder in 16 Ortsvereinen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands organisiert, die mit den Ortsvereinen des (ehemaligen) Kreises Land Hadeln im SPD-Unterbezirk „Unterelbe" zusammengeschlossen waren. Die SPD-Ortsvereine Estebrügge (Königreich), Jork und Borstel gehörten dazu.

Zwei Namen damaliger Unterbezirksvorsitzender sind noch bekannt und werden in einigen Schriften dokumentiert. Bis 1930 der Tischler Nikolaus von Borstel (Herkunft nicht bekannt) und ab 1930 Wilhelm Sietas, Lehrer aus Stade.

Die Gemeinde Jork war bis zum 30 September 1931 Sitz der Kreisregierung des Landkreises Jork mit 21 Gemeinden und 21.097 Einwohnern. Die Stadt Buxtehude gehörte damals zu den Kommunen des Landkreises Jork. Einer der SPD-Abgeordneten im Kreistag Jork war Heinrich Plaahs, auf den im Zusammenhang mit dem „historischen" SPD-Ortsverein Estebrügge/Königreich eingegangen wird.

Als unmittelbare Folge des am 24. März 1933 vom Reichstag gegen die Stimmen der SPD verabschiedeten „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Staat" (als so genanntes Ermächtigungsgesetz in die deutsche Geschichte eingegangen), wurde die SPD am 22. Juni 1933 zwangsaufgelöst.

Die damit als „ehemalige" Sozialdemokraten zu bezeichnenden Mitglieder der „verbotenen" SPD durften nicht mehr Gemeindevorsteher (Bürgermeister), Beigeordnete und Gemeinderäte in den damaligen Gemeinden sein.

Endgültig abgeschafft wurde die demokratische Wahl der Gemeinderäte mit dem neuen Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1935. Die Ortsgremien der NSDAP beriefen, bestimmten und beherrschten nun die Gemeinderäte.

„Auferstanden aus Ruinen" konnte die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Mai 1988 ihr 125-jähriges Bestehen feiern. Die älteste politische Partei Deutschlands bestand 1988 nur in der damaligen Bundesrepublik Deutschland, denn nach der zwangsweisen Auflösung der SPD am 22. Juni 1933 gelang es Dr. Kurt Schumacher 1945 nur in den drei westlichen Besatzungszonen, die Vereinigung der SPD mit den Kommunisten zu verhindern.

Am 10. April 1945 wurde Hannover von den alliierten Truppen eingenommen. Nur neun Tage später, am 19. April fand in Hannover eine Zusammenkunft statt, auf der Dr. Kurt Schumacher und einige andere Sozialdemokraten den Wiederaufbau ihrer Partei beschlossen. Am 6. Mai 1945 – einige Monate bevor die Militärregierung die Bildung von Parteien erlaubte – fand die Wiedergründung des Ortsvereins Hannover der SPD statt.

Erst einen Tag später, am 7. Mai 1945, wurde in Reims die bedingungslose Kapitulation des „Großdeutschen Reiches" unterzeichnet (am 8. Mai auf Wunsch der sowjetischen Armee in Berlin-Karlshorst wiederholt).

Die Reaktivierung der Partei mit der ältesten ungebrochenen historischen Tradition setzte unmittelbar nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistische Herrschaft spontan ein. Anfang Oktober 1945 konnte das organisatorische Gefüge der SPD in großen Teilen des zusammengebrochenen Deutschen Reiches (den drei westlichen Besatzungszonen) als wieder hergestellt betrachtet werden.
Ende 1946 bestanden in den drei westlichen Besatzungszonen über 8.000 SPD-Ortsvereine mit insgesamt 633.244 Mitgliedern. Und wieder gehörten die SPD-Ortsvereine Borstel, Estebrügge/Königreich und Jork dazu.

Von der ersten Stunde an bis zu seinem Tod am 20. August 1952 war Dr. Kurt Schumacher die beherrschende Gestalt der deutschen Sozialdemokratie jener Jahre. Die Leitfiguren der ersten Stunde waren in den ehemals selbständigen Gemeinden der heutigen Einheitsgemeinde Jork neben Heinrich Plaahs, Amandus Busch, Dietrich Streckwall und Heinrich Feindt.

In der sowjetischen Besatzungszone wurde Mitte Juni 1945 der Zentralausschuss der SPD unter Vorsitz von Otto Grotewohl gebildet.
Am 21. April 1946 mußten sich die Sozialdemokraten auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht in die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – SED" eingliedern lassen. In der sogenannten Ostzone hatte damit die SPD zu bestehen aufgehört.

Nur in Ost-Berlin konnte sich die SPD unter dem Schutz des Viermächtestatuts noch halten. Bei den Stadtbezirkswahlen am 20. Oktober 1946 erzielte sie im Ostsektor Berlins 46,3 % der Stimmen und lag damit weit vor der SED (29,9 %) und der CDU (18,7 %).

Mit der Blockade West-Berlins geriet die SPD im Ost-Sektor zusehends unter Druck. Die Mitgliederzahlen sanken von 15.437 in 1948 auf 5.327 in 1961. Aber erst nach dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde die Parteiorganisationen der SPD im Ost-Sektor Berlins am 23. August 1961 endgültig aufgelöst.

Erst 1989 wagten einige mutige Frauen und Männer in der damaligen DDR, auch dort wieder eine Sozialdemokratische Organisation ins Leben zu rufen. Der Aufruf zur Neugründung der Sozialdemokratie in der DDR am 26. August und die Gründung der SDP (Sozialistische Deutsche Partei) am 7. Oktober im Brandenburgischen Schwante waren ein Signal dafür, dass die SED-Herrschaft zu Ende ging.

Im Zuge des deutschen Einigungsprozesses schlossen sich die Sozialdemokraten „diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze" enger zusammen und können seit dem sogenannten Vereinigungsparteitag vom 27. September 1990 in Berlin wieder mit vollem Recht den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands tragen.




Geschichte der SPD in der Einheitsgemeinde Jork

Der SPD-Ortsverein Jork in seiner heutigen Struktur kann nicht historisch, sondern eigentlich nur gegenwartlich betrachtet werden. Er besteht durch den Zusammenschluß der historisch gewachsenen alten SPD-Ortsvereine Estebrügge/Königreich, Borstel und Jork erst seit 25 Jahren.
Zur Erklärung folgendes:

Die heutige Einheitsgemeinde Jork wurde aus den ehemals 7 selbständigen Gemeinden Jork, Borstel, Ladekop, Königreich, Estebrügge, Hove und Moorende zusammengefügt. Der Zusammenschluß erfolgte auf den Grundlagen der „ Niedersächsischen Verwaltungs- und Gebietsreform" am 1. Juli 1972 (siehe Jahrbuch des Altländer Archivs 1996). Dieser weiträumige Zusammenschluß griff massiv in über Jahrhunderte historisch und wirtschaftlich gewachsene Strukturen ein.

Die „Ur" Einwohner der einzelnen (zusammengefügten) Gemeinden haben einige "ihrer" Eigenständigkeiten noch immer nicht aufgegeben. Dadurch sind einige der alten (Dorf-) Traditionen und ein Teil des ehemals dörflich-verträumten Flairs in den alten Gemeinden erhalten geblieben.

Kommunalpolitisch besiegelt wurde der Zusammenschluß durch die Unterzeichnung des so genannten Gebietsänderungsvertrages vom 18. Juni 1972. Unterzeichner waren u. a. Harri Witt (SPD Estebrügge / Königreich) und Erwin Böhm (SPD Jork). Der Regierungspräsident in Stade hat diesen Vertrag am 20. Juni 1972 genehmigt und im Amtsblatt Nr. 13 vom 30. Juni 1972 auf Seite 202 veröffentlicht.

Die „politische Verantwortung" für die Einheitsgemeinde Jork wurde am 1. Juli 1972 einem so genannten Interimsrat übertragen, der bis zu den ersten Wahlen des Gemeinderates der „Einheitsgemeinde Jork" am 5. Oktober 1972 im Amt bleiben sollte. Seitens der Jorker inzwischen zusammengeschlossenen „Einheits" SPD (siehe weiter unten) gehörten Erwin Böhm und Siegfried Corleis aus Jork, Harri Witt aus Königreich, Karl Waedow aus Estebrügge und Werner Aldag aus Borstel diesem Übergangsgremium an.

Die Hintergründe der Niedersächsischen Verwaltungs- und Gebietsreform haben ihre Ursachen in den bundesgesetzlich angestrebten Grenzänderungen kommunaler Gebietskörperschaften bei (Land-) Kreisen und Gemeinden, sowie der Neugliederung der Länder. Ziel dieser Reformen war, in den im Kern seit über 150 Jahren unveränderten territorialen Gebietskörperschaften, die Leistungsfähigkeit und Effizienz der Verwaltungen durch Bildung größerer Gebietseinheiten zu steigern.

In der Bundesrepublik Deutschland wurden durch die Gebietsreform die Anzahl der Gemeinden von rund 24.000 in 1968 auf rund 8.500 in 1978, die der (Land-) Kreise von 425 auf 235 und die der Kreisfreien Städte von 139 auf 92 reduziert. Das Land Niedersachsen gliedert sich seit 1972 in die Regierungsbezirke Braunschweig, Hannover, Lüneburg und Weser-Ems mit 9 Stadt- und 27 Landkreisen, 142 Samtgemeinden und 248 Einheitsgemeinden.

Aufgrund dieser verwaltungstechnischen Neuordnung ist die „Geschichte der SPD in der Einheitsgemeinde Jork" kurz und bündig zu erzählen. Als Folge der Verwaltungs- und Gebietsreform waren die bis dahin eigenständigen SPD-Ortsvereine in Borstel, Estebrügge-Königreich und Jork gezwungen, eine gemeinsame Organisationsstruktur zu finden.

Wolfgang Hörtz (Ortsverein Borstel), Harri Witt (Ortsverein Estebrügge-Königreich) und Siegfried Corleis (Ortsverein Jork) haben am 17. März 1972 die Modalitäten des erforderlichen Zusammenschlusses beraten und beschlußfähig niedergeschrieben. Leider muß das Protokoll dieser Sitzung als verschollen angesehen werden.

Fest steht, als Ergebnis der Verhandlungen fand am 26. März 1972 im „Altländer Hof" in Jork (heute Parkplätze und Betriebsgebäude der Schlachterei Röhrs) die gemeinsame „Hauptversammlung" der SPD-Ortsvereine Borstel, Estebrügge-Königreich und Jork statt. Versammlungs-und Wahlleiter war der damalige niedersächsische SPD-Landtags-abgeordnete Karl Nobel aus Buxtehude.

Die formelle Auflösung der SPD-Ortsvereine Borstel, Estebrügge-Königreich und Jork wurde durch die Entlastung der Vorstände besiegelt. Damit war der Weg zur Gründung eines neuen (gemeinsamen) SPD-Ortsvereins frei, der mit den Vorstandswahlen vollzogen wurde.

Vorsitzender des „neuen" SPD Ortsvereins Jork wurde Siegfried Corleis aus Jork. Als seine beiden Stellvertreter sind Harri Witt aus Königreich und Peter Lühmann aus Estebrügge gewählt worden. Mit Robert Jens (Schriftführer) und Friedrich Wassel (Kassierer) wurden zwei weitere SPD-Mitglieder aus den Estegemeinden in den geschäftsführenden Vorstand gewählt. Dagmar Carstens aus Jork und Peter Minners aus Ladekop wurden Beisitzer im Gesamtvorstand.




Geschichte der „alten" SPD-Ortsvereine

Alle Unterlagen der SPD aus den Jahren vor 1933 müssen in der Regel als vernichtet angesehen werden. Auch die Zeit nach 1945 ist nur sehr lückenhaft nachvollziehbar. Akten aus dem SPD-Bezirk Nord-Niedersachsen setzen erst um 1960 ein und geben für die Ortsvereine – wenn überhaupt – nur wenig her.

Zur Darstellung und Dokumentation der Geschichte der alten SPD-Ortsvereine der heutigen Einheitsgemeinde Jork, stehen neben mündlichen Überlieferungen nur wenige Dinge zur Verfügung, die die Wirren des „Großdeutschen Reiches" in alten Schubladen, Truhen und Speichern überlebt haben.

Daß die alten SPD-Ortsvereine Estebrügge/Königreich, Borstel und Jork auf eine sehr lange Tradition zurück blicken können, geht aus einigen mühselig zusammengetragenen Dokumenten und Protokollbüchern hervor. Sie stammen zum größten Teil aus den „Schatullen" von Jonny Gährs und Erwin Böhm. Diese wenigen Originaldokumente sind dem Altländer Archiv zur Archivierung und Aufbewahrung übergeben worden.




SPD-Ortsverein Estebrügge/Königreich

Der Ortsverein Estebrügge/Königreich muß als die älteste Organisationsstruktur der Sozialdemokraten im Alten Land – und darüber hinaus – angesehen werden. Alte, noch in sogenannter „Deutscher Schrift" geschriebene Protokolle belegen, dass es in den Estegemeinden schon um die Jahrhundertwende aktive Sozialdemokraten gegeben hat.

Neben den Protokollen ist das älteste vorliegende Dokument ein SPD-Mitgliedsbuch vom 01. Januar 1921, ausgestellt für den Schiffer Jonny Gährs aus Königreich, geboren am 14. Oktober 1902 zu Estebrügge im Regierungsbezirk Jork. Als Staatsangehörigkeit wird das Land Preußen ausgewiesen. Unterschrieben ist das Mitgliedsbuch im Namen des SPD-Vorstandes Ortsverein Estebrügge von H. Plaahs.

Im Alter von knapp 20 Jahren ist Jonny Gährs ein kämpferisch motivierter Sozialdemokrat gewesen. Am 1. Januar 1926 trat er in den 1924 von SPD, DDP und Zentrum gegründeten „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" ein. Auch dieses auf den Namen Jonny Gährs ausgestellte Mitgliedsbuch ist erhalten geblieben.

Der Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war ein betont verfassungstreuer Verband auf der Basis der Weimarer Koalition aus SPD, DDP und Zentrum. Ende 1931 schloß sich der Reichsbanner mit den freien Gewerkschaften zur so genannten „Eisernen Front" zusammen, um Partei- und Gewerkschaftsversammlungen vor der so genannten Sturmabteilung der NSDAP zu schützen. Jonny Gährs aus Estebrügge hat viele Saaltüren bewacht.

Ein Name zieht sich wie ein roter Faden durch die Vergangenheit des SPD-Ortsvereins der Vor-Hitler-Zeit in den Estegemeinden: Heinrich Plaahs.

Als Vorstand des sogenannten Sozialdemokratischen Wahlvereins unterzeichnet Heinrich Plaahs nachweislich nachfolgende Wahlvorschläge:

1.Zu den Kreistagswahlen von 1924 und 1929 die Kandidatur des Sozialdemokraten Heinrich Warburg, Fleischbeschauer aus Estebrügge.

2.Anläßlich der Gemeindewahlen vom 17. November 1929 unter dem Stichwort „Wettern" den sozialdemokratischen Wahlvorschlag aus Moorende Ost und West. Auf dieser Liste, die von 281 abgegebenen 54 Stimmen gewann, kandidierten:

Peter Wettern, Schiffer aus Westmoorende
Amandus Busch, Zimmerer aus Westmoorende
Johannes Hauschildt, Zimmerer aus Westmoorende
Johannes Rüter, Gastwirt von der Esteburg

Auch den Wahlvorschlag für die Gemeindeausschusswahlen der neugebildeten Gemeinde Moorende am 25. September 1932 soll Hinrich Plaahs unterschrieben haben. Auf dieser Liste, die von 275 abgegebenen 73 Stimmen (= 3 Mandate) gewann, kandidierten
Amandus Busch
Friedrich Gronemeyer
August Meyer
Heinrich Okelmann

Es muß als sicher angenommen werden, daß der 1956 verstorbene Heinrich Plaahs bis zur zwangsweisen Auflösung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands durch den Beschluß des Hitler-Regimes vom 22. Juni 1933 Vorsitzender des Ortsvereins in den Estegemeinden war. Einer seiner aktivsten Mitstreiter dieser Zeit muß Amandus Busch aus Moorende gewesen sein.

Aus den Aktivitäten von Heinrich Plaahs und Amandus Busch aus der Zeit vor 1933 muß abgeleitet werden, daß entweder Heinrich Plaahs oder Amandus Busch oder beide zusammen, nach 1945 die Sozialdemokratie in den Estegemeinden wiederbelebt haben. Leider gibt es keine Zeitzeugen mehr.

Fest steht auf Grund vorliegender Protokolle, daß Amandus Busch 1950 Vorsitzender im SPD-Ortsverein Estebrügge/Königreich war und erst am 8. Februar 1958 von Karl Wedow abgelöst wurde.

Das einzige vom SPD-Ortsverein Estebrügge/Königreich vorhandene Protokollbuch beginnt mit dem „Protokoll über die Monatsversammlung am 30.4.1950 im Lokal Off" und endet mit dem „Protokoll über die Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Estebrügge am 29.11.1958 im Lokal Off".

Das Protokoll vom 30. April 1950 deutet, wie schon erwähnt, darauf hin, dass der SPD-Ortsverein schon um die Jahrhundertwende bestanden haben muß. Das Protokoll ist geführt und unterzeichnet vom stellvertretenden Schriftführer Georg Albrecht. Hauptamtlicher Schriftführer in der Zeit vor/von 1950 bis zum Ende des Protokollbuches war der Arzt Dr. Alfred Berendt. Georg Albrecht schreibt unter anderem ins Protokoll:

„Nach einem weiteren Musikstück gab Altgenosse Hein Plaahs, der ein Lebensalter von 87 Jahren aufzuweisen und davon 61 Jahre zur SPD gestanden hat, aus seiner politischen Vergangenheit einige Erlebnisse bekannt, die den Zuhörern ein Vorbild aufgeschlossener Charaktereigenschaften und fester politischer Gesinnung und Haltung aufzeigten.

Sodann nahm der 1. Vorsitzende, Genosse Amandus Busch, mit bewegten Worten die Ehrung der Altgenossinnen und Altgenossen vor, die durch Überreichung von Ehrenurkunden und der goldenen Ehrennadel zum Ausdruck gebracht wurde".

Laut Protokoll wurden geehrt:

Plaahs, Heinrich ??. ??. 1889
Wettern, Peter 26. 01. 1991
Schreckenberg, Richard 01. 04. 1902
Elmers, Heinrich 01. 01. 1919
Albrecht, Ernst 01. 02. 1902
Müller, Ida 01. 05. 1919
Kluge, Oswald 01. 04. 1904
Koch, Christoph 01. 07. 1919
Mecklenburg, Peter 01. 05. 1905
Moldenhauer, Jakob 01. 01. 1921
Carow, Otto 01. 04. 1906
Busch, Amandus 01. 01. 1921
Müller, Jakob 20. 11. 1908
Gährs, Jonny 01. 01. 1921
Plaahs, August 01. 01. 1912
Busch, Amanda 14. 01. 1922
Appel, Georg 01. 01. 1919
Laske, Robert 01. 04. 1923
Gronemeyer, Jonny 01. 01. 1919
Müller, Frieda 01. 04. 1924
Elmers, Amandus 01. 01. 1919
Elmers, Emma 01. 02. 1924
Hallmann, Josef 01. 01. 1919
Rust, Hermann 01. 04. 1924
Dürkopp, Gustav 13. 01. 1919

Heinrich Plaahs und seine Frau Katharina, geborene Behrends, feiern am 10. Oktober 1951 mit 16 Enkeln und 13 Urenkeln das seltene Fest der Eisernen Hochzeit. Die damalige Altländer Zeitung berichtet unter dem Titel: "Viele kamen und gratulierten" in der Ausgabe Nr.238 / 1951 wie folgt (wörtliche Wiedergabe):

Im Hause des Ehepaares Heinrich und Frau Katharina Plaahs stand gestern, am Tag ihrer eisernen Hochzeit, die Tür nicht still. Fast pausenlos kamen und gingen Besucher, Gratulanten, Überbringer von Glückwünschen und Blumengrüßen.

Am frühen Vormittag traf der Kreissekretär der SPD, Sudik, aus Stade ein, um die Glückwünsche der Partei an ihren alten Mitkämpfer zu überbringen. Die Eheleute Gährs aus Estebrügge, die vor einigen Tagen ihre goldene Hochzeit feiern konnten, kamen ihrem ältesten Genossen aus den schweren Tagen der Arbeiterbewegung zu gratulieren. Aus Stade traf ein Briefgruß des Regierungspräsidenten Dr. Harm ein, und gegen Mittag überbrachte Kreisoberamtmann Bollmann aus Winsen mit herzlichen Wünschen Geschenke und Grüße des Landrats, der Kreisverwaltung und der Regierung in Lüneburg. Bürgermeister Köpcke gratulierte im Namen der Gemeinde Moorende ihrem ältesten Ehepaar und überbrachte eine Geschenkgabe der Gemeinde.

Der Nachmittag war dann der fröhlichen Familienfeier in der kleinen guten Stube auf dem Deich vorbehalten, zu der auch für die Kirchgemeinde Estebrügge Pastor Skowronnek erschien.

Das Jubelpaar erfreute sich bester geistiger Verfassung und nahm an allen Gesprächen und Erinnerungen aus alter Zeit regen Anteil. Der gesprächige Ehemann trug den Ehrentag mit goldigem Humor. Er unterhielt seine Gäste durch Erzählungen und trug ihnen u. a. zwölf Verszeilen aus der Erinnerung vor, die von erstaunlichen Gedächnis des 89jährigen zeugten.

Abschließend bleibt festzustellen, dass der 1889 als 24-jähriger in die SPD eingetretene Heinrich Plaahs nicht nur Mitglied der damaligen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war. Heinrich Plaahs ist zu seiner Zeit wohl die sozialdemokratisch prägende Figur seiner Partei in den Estegemeinde, im Landkreis Jork und darüber hinaus gewesen.

SPD-Ortsverein Borstel

Auch der SPD-Ortsverein Borstel muß schon vor 1933 aktiv die kommunalpolitischen Geschicke der „ehemaligen" Gemeinde Borstel mitgestaltet haben. Die Neugündung fand wohl um die Jahreswende 1945/1946 statt.

Darauf deutet die sogenannte Mitgliedskarte Nr. 1191 der Sozialdemokratischen Partei, Kreisverein Stade, für den Landarbeiter Klaus Dankers aus Borstel 59 hin. Klaus Dankers, geboren am 12. Januar 1906 in Jork, ist danach seit dem 16. Oktober 1946 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Ortsverein Borstel. Ein vom SPD-Ortsverein Borstel ausgestelltes Mitgliedsbuch bescheinigt Klaus Dankers unter der Rubrik „Mitgliedschaften vor 1933" den Beitritt in die SPD für das Jahr 1925. Das deckt sich mit den Aussagen eines seiner Söhne, nach denen in der Familie politische Aktivitäten in der sogenannten Vorkriegszeit bekannt sind. Klaus Dankers war in den
60-iger Jahren SPD-Ratsherr im Rat der Gemeinde Borstel.

Am 29. September wird der am 17. März 1898 geborene Kellner Arthur Vieritz Mitglied im SPD-Ortsverein Borstel. Von Arthur Vieritz lebt noch ein Sohn in der Gemeinde Jork, der aber nichts über die politische Vergangenheit aussagen kann. Arthur Vieritz ist 1981 im Alter von 83 Jahren in Jork verstorben.

Der nächste Beweis für das sehr frühe Wiederaufleben des Borsteler SPD-Ortsvereins ist das Mitgliedbuch für den am 08. März 1913 geborenen Weichenstellers Oswald Springer, der am 01. Januar 1947 SPD-Mitglied wurde. Der Name Springer ist in der Gemeinde Jork nicht mehr vertreten. Oswald Springer wird aber noch bis Mitte 1970 in den SPD-Mitgliedslisten geführt.

Seit dem 01. Februar 1947 wird der am 18. Mai 1914 geborene Gerhard Stüven in den Mitgliedslisten des SPD-Ortsvereins Borstel geführt. In den 60-iger Jahren war Gerhard Stüven SPD-Ratsherr der Gemeinde Borstel. Gerhard Stüven ist das letzte noch lebende SPD-Mitglied aus der (Neu-) Gründungszeit nach 1945.

Die Mitgliedsbücher von Klaus Dankers, Arthur Vieritz, Oswald Springer und Gerhard Stüven sind im Auftrag des Vorstandes SPD-Ortsverein Borstel mit D. Streckwall unterschrieben worden. Dietrich Streckwall war Mitte der 60-iger Jahre 1. Stellvertretender Beigeordneter (heute 1. Stellvertretender Bürgermeister) der Gemeinde Borstel.

Interessant ist auch ein Sparbuch der „Zwecksverbandssparkasse des Alten Landes in Jork" mit der Nummer 27037. Inhaber des Sparbuches war die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Ortsverein Borstel.

Das Sparbuch wurde am 9. Juni 1948 mit einer Einlage von 200 Reichsmark eröffnet. Am 17. Juni 1948, drei Tage vor der Währungsreform in den drei westlichen Besazungszonen, sind 30 Reichsmark abgehoben worden. Der SPD-Ortsverein Borstel hat durch die Währungsreform sein gesamtes „Vermögen" verloren.

Es dauerte danach bis zum 3. November 1948, ehe die Borsteler SPD 8,50 Deutsche Mark angesammelt hatte und auf ihr Konto einzahlen konnte. Das am 9. Juni 1948 mit einer Einlage von 200 Reichsmark eröffnete Sparkonto ist nach Auszahlung von 81,40 Deutsche Mark am 20. Oktober 1972 gelöscht worden.

Der Betrag ging auf das Konto des am 25. Mai 1972 gegründeten gemeinsamen SPD-Ortsvereins Jork.


SPD-Ortsverein Jork

Im Gegensatz zu den SPD-Ortsvereinen aus den Estegemeinden und aus Borstel kann vom alten SPD-Ortsverein Jork historisch nicht viel berichtet werden. Für die Aktivitäten der Zeit vor 1933 gibt es nur einen einzigen Hinweis, der in dem „Nachlaß" von Jonny Gährs gefunden wurde.

Einem Wahlzettel für die Kreistagswahlen am 17. November 1929 ist zu entnehmen, dass auf der Liste der SPD neben dem Fleischbeschauer Heinrich Warburg aus Estebrügge auch der Korbmacher Johannes Lange aus Jork kandidiert hat.

Auch die Neugründung des SPD-Ortsvereins nach 1945 kann nicht eindeutig nachvollzogen werden. Das einzige vorhandene Dokument ist das Mitgliedsbuch Nr. 2829, ein am 1. April 1959 ausgestellter Ersatz für ein verloren gegangenes Buch für den am 19. April 1917 in Jork geborenen Schosser Heinrich Feindt. Das in diesem Buch ausgewiesene Eintrittsdatum 10. Februar 1945 kann aber nicht stimmen.

Heinrich Feindt war aber nach mündlichen Überlieferungen der erste Orstvereinsvorsitzende der Nachkriegszeit.

Eine Protokollnotiz vom 13. März 1968 läßt vermuten, daß es schon 1945 einen Schriftführer Namens Heinrich Meyer und damit einen SPD-Ortsverein gegeben haben muß.

Die noch vorhandenen Protokollbücher aus dem alten SPD-Ortsverein Jork beginnen leider erst mit der „Jahreshauptversammlung im Gasthaus Zur Linde am 13. Februar 1960" und enden mit der formellen Auflösung vom 26. Mai 1972.

Im Vorfeld dieser Jahreshauptversammlung, bei der die Vorstandswahlen auf der Tagesordnung standen, hat der Ortsvereinsvorsitzende Heinrich Feindt schon angekündigt gehabt, für eine weitere Amtsperiode nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Zu seinem Nachfolger wurde Erwin Böhm gewählt. Erwin Böhm blieb 12 Jahre im Amt und wurde nach seinem Verzicht auf eine Wiederwahl am 27. Januar 1972 von einem jungen Mann, nämlich Siegfried Corleis, abgelöst.

Dem Protokoll der Mitgliederversammlung am Mitwoch, 13. März 1968 ist ein weiteres Indiz für die (Neu-) Gründung des SPD-Orstvereins Jork im Verlauf des Jahres 1945 zu entnehmen. Der damalige neue Schriftführer Hans Hucke aus Jorkerfelde schreibt ins Protokollbuch:

Eröffnet wurde die Versammlung durch den 1. Vors. Erw. Böhm, welcher den Unterbezirkssekretär K.H.Thiede und den Genossen Streckwall aus Borstel besonders begrüßte.

Als letzte Amtshandlung nach 23 Jahren Tätigkeit als Schriftführer der SPD-Ortsgruppe Jork verlas dann Heinrich Meyer das letzte Protokoll vom 3. 11. 67 und übergab die Unterlagen sichtlich bewegt seinem Nachfolger Hans Hucke.

Heinrich Meyer muß demnach im Verlauf des Jahres 1945 zum Schriftführer des neugegründeten SPD-Ortsvereins Jork gewählt worden sein.

Erwin Böhm, Dietrich Streckwall und Karl-Heinz Thiede haben anläßlich dieser Sitzung schon damals über einen Zusammenschluß der SPD-Ortsvereine Borstel und Jork diskutiert.